Editorial 03|2022

Putins Flurschaden

 

 

Liebe SUT-Leser,

der Vernichtungskrieg Vladimir Putins gegen die Ukraine tötet nicht nur täglich eigene und fremde Soldaten sowie unschuldige Zivilisten und hat Russland zum Paria-Staat degradiert, sondern richtet auch in vielen anderen Bereichen Flurschäden an.

Die von Bundeskanzler Olaf Scholz beschworene Zeitenwende hat in manchen deutschen Politikbereichen, etwa in der Verteidigungspolitik zu einem Realitätsschock und längst überfälligen Entscheidungen zum Gegensteuern geführt. Auch in der Energiepolitik wurde plötzlich über die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke und neue Initiativen zur nationalen Gas- und Ölförderung diskutiert. Aber die Lage ist offensichtlich noch nicht schlimm genug: Trotz fachkundiger Urteile, dass längeren Laufzeiten keine technischen Gründe entgegenstehen und anfänglicher Einschätzung von Wirtschaftsminister Habeck, er würde das „nicht ideologisch motiviert“ ablehnen, wird dies von der grünen Umweltministerin Steffi Lemke mit Sicherheitsbedenken aus der Mottenkiste der Antikernkraftideologen verhindert.

 

 

Überlegungen, nationale Erdgasreserven mit Hilfe von Fracking zu erschließen, werden ebenso negativ beschieden, obwohl das künftig gelieferte Flüssiggas aus Nordamerika genauso produziert wird. Bei einem russischen Boykott wird Erdgas wegen weiterer Preissteigerungen als Brückentechnologie bis zum Ausbau der erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung wohl eher eine untergeordnete Rolle spielen und durch längere Nutzung vorhandener Kohlekraftwerke ersetzt werden. Der Ersatz russischer Importkohle durch amerikanische und afrikanische Quellen ist bereits im vollen Gange, sodass Bahn und Binnenschiff im Massengutverkehr eine längere Boomphase erwarten können. Die enorm gestiegenen Frachten im Kohleverkehr führen dazu, dass mehr und mehr Eigner moderner Koppelverbände, die bisher eine auskömmliche Beschäftigung im Containerverkehr hatten, aus noch laufenden Verträgen aussteigen, um im Transport von ‚Grubengold‘ mehr Geld zu verdienen. Aber es ist nicht nur das Geld, was die Schiffseigner umtreibt.

Unkalkulierbare Wartezeiten durch verspätete Seeschiffe und chaotische Verhältnisse in den Seeterminals sind eine weitere Ursache für den ‚Shipdrain‘ im Hinterlandverkehr.

Seit dem 1. April behält sich die HHLA vor, an ihren Terminals in Hamburg Bahn- und Binnenschiffscontainer, die früher als sieben Tage vor der geplanten Seeschiffsankunft angeliefert werden, zurückzuweisen und nicht zu entladen. Außerdem besteht die Verpflichtung, dass die Zahl der angelieferten Exportcontainer exakt mit der Zahl der aufzunehmenden Importcontainer bei jeder Zufahrt übereinstimmt. Für die Binnenschifffahrt verkürzt die HHLA die Frist auch gerne mal auf vier Tage. Auch in Rotterdam und Antwerpen hat sich die sieben Tage Frist für die Binnenschifffahrt an nahezu allen Terminals durchgesetzt. Die Disponenten im Hinterland müssen sich die Informationen über die Seeschiffsankünfte selbst im Internet beschaffen, wobei mögliche Wartezeiten der Seeschiffe auf Reede vor den Seeterminals eine weitere Unbekannte im ‚Ratespiel‘ darstellen.

Obwohl der Bahnverkehr zwischen China und Europa über Russland derzeit noch ohne größere Störung läuft, hat die Eskalation im Ukrainekrieg manchen Kunden bereits veranlasst, zu versuchen, Containertransporte von der Bahnroute über die Seidenstraße auf Seetransport umzubuchen. In China rät man davon ab, denn die Alternativen sind weder billiger noch schneller.

Diese Entwicklungen verstärken das pandemiebedingte Chaos im Welthandel – auch eine Form von Weltkrieg?!